Generation Hitlerjugend Reflexionen über eine Verführung
Frankfurt am Main [ENA] Das Buch „Generation Hitlerjugend“ von Hilmar Hoffmann bietet uns seine Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg an, die berücksichtigt werden müssen, wenn wir einen dauerhaften Frieden schaffen wollen. Es beschreibt sehr eindrucksvoll, wie die Propaganda im Dritten Reich organisiert war und wirkte.
Ergänzend werden die Personen kurz dargestellt, die in den Augen von Hilmer Hoffmann in dem Propagandaapparat eine tragende Rolle spielten wie z.B. Baldur von Schirach, Ernst Krieck und Leni Riefenstahl. Beide Brüder von Hilmar Hoffmann waren Offiziere und erhielten das eiserne Kreutz. Er selbst machte „Karriere“ in der Hitlerjugend und führte am Ende 600 junge Menschen. Hilmer stellt sein Umfeld dar. Alles mehr oder weniger bekannt: die Propaganda, die Organisation, die Kontrolle. Und doch frage ich mich, warum er z. B. nicht BBC-Radio gehört hat, um sich ein Bild über die Wirklichkeit zu machen. Er sei zu jung gewesen. Andererseits war er Klassensprecher, Schulsprecher und Hitler Jungvolk-Führer.
Ich denke an junge Leute, die in Frankreich den zweiten Weltkrieg erlebten wie z.B. Micheline Bood. Sie war 14 Jahre alt und wusste schon, dass Petain ein Verbrecher war und hörte BBC, was auch in Deutschland möglich war und H. Hoffmann schreibt das auch in seinem Buch. Sie hatte Courage auch gegen die Besatzer ein Wort zu verlieren. Sie wurde 1926 geboren, Hilmar Hoffmann 1925. Sie hatten also fast das gleiche Alter. Der Widerstand der Scholl Geschwister wird von H. Hilmer sehr knapp dargestellt. Gerade hier zeigt sich ja, dass junge Leute durchaus kritisch denken und den Mut haben können, gegen den Faschismus einzutreten. Hilmar Hoffmann sagt „Die junge Generation ist schuldlos“.
Mit 17 Jahren kann durchaus kritisches Bewusstsein vorhanden sein. Das kritische Bewusstsein fehlt auf der ganzen Linie, obwohl in der Schule Nietzsche, Kant, Goethe u.a. gelesen wurden, dank eines nicht-konformen Lehrers. Damit sollte die Fähigkeit gegeben sein, die Propaganda kritisch zu hinterfragen und nicht der Partei blind zu folgen. Hilmar Hoffmann war auch in die Partei eingetreten, auch wenn er den Akt herunterspielt, so als sei es unbewusst geschehen. Bücherverbrennung, „Entartete Kunst“, es gab ja genügend Anlässe, sodass es „Klick“ hätte machen können, wie es bei einigen, die dann ausgewandert sind oder sich der Propaganda entzogen haben, geschehen war.
Die “Swing Jugend” wurde entfernt (schlimmstenfalls ins Konzentrationslager geschickt) – das sollte doch Hilmar Hoffmann mitbekommen haben, wenn aus seinen Reihen, die Jugendlichen verschwinden bzw. weggebracht worden sind. Was hat er wirklich erlebt? Was hat er gefühlt, wenn sich Mutter und Vater gestritten hatten. Die Mutter war Hitler Anhängerin, der Vater vielleicht dagegen (kommt leider nicht klar heraus). Was geht in einem jungen Mann vor, wenn Widersprüche in der Wirklichkeit aufbrechen? Die Schule hatte auch die Chance geboten, kritisch die Politik zu hinterfragen. Die Lehrer waren nicht alle Hitler Anhänger.
Die wenigen Textstellen, die die persönliche Wahrnehmung der Kriegsgreuel beschreiben, sind z. B. die Leichenbergung in der Normandie als Kriegsgefangener und der letzte Tag des hoffnungslosen Einsatzes in der Normandie, die mit dem Befehl „Ergebt Euch“ des Truppenführers ihr glückliches Ende für die Überlebenden nimmt. „Erst nach der Schlacht in der Normandie im Sommer 1944 begann ich Hitlers krude Feldherrnkünste mit ersten ernsten Zweifeln zu hinterfragen.“ Die Leichenbergung in der Normandie beschreibt Hilmar Hoffmann „Es war zum Gotterbarmen, als wir die sterblichen Hüllen der jungen Soldaten der SS-Panzer-Division „Hitlerjugend“, durchweg Jahrgang 1926, einsammeln mussten.“
Andererseits werden einige Dokumente angeführt, die das Kriegsgeschehen und das Leid anscheinend wirklichkeitsnah wiedergeben wie Steven Spielbergs Film ‚Der Soldat James Ryan‘. Der eigene Erfahrungsbericht hätte mich mehr interessiert. Sehr erhellend fand ich die Beschreibung der Gefangenschaft in den USA (POW – ‚Prisoner of War‘ camp, Lager für Kriegsgefangene) und in Schottland. Am eindrucksvollsten sind die Seminare mit die Referenten u.a. Bertrand Russell und den Teilnehmern wie z. B. Hans-Jochen Vogel, Rainer Barzel, Ralf Dahrendorf, Gerhard Richter, Helmuth Schmidt, Iring Fetscher und Wolfgang Abendroth, die in Wilton Park an der Südküste Englands durchgeführt wurden.
Zwischen 1946 und 1948 wurden hier über 4.000 Deutsche in sogenannten Umerziehungsklassen, „re-education classes“, zusammengeführt, um die demokratischen Prozesse kennenzulernen und mit Politikern und Intellektuellen aus England zu diskutieren. Ein Teilnehmer war Hilmar Hoffman und diese Zeit war für seine spätere Entwicklung prägend. Hilmar Hoffmann (1925 – 2018) war NSDAP Mitglied und bei den Fallschirmjägern 1944 im Einsatz. Im gleich Jahr geriet er in der Normandie in amerikanische Kriegsgefangenschaft.
Zwischen 1970 und 1990 war er Kulturstadtrat (Kulturdezernent) in Frankfurt am Main. Von 1993 bis 2001 war er Präsident des Goethe-Instituts in München. Er war von 1985 bis 2011 Vorsitzender des Verwaltungsrats im Deutschen Filminstitut – DIF/Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main. Literatur : Generation Hitlerjugend: Reflexionen über eine Verführung von Hilmar Hoffmann, 2018; Die doppelten Jahre: Tagebuch einer Schülerin, Paris 1940 – 1944 von Micheline Bood (Autorin), Daniel Cohn-Bendit (Vorwort), Ursula Bös (Übersetzerin), 2017




















































