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Buchreview: Kaste von Isabel Wilkerson

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 06.09.2025, 15:49 Uhr
Presse-Ressort von: Kurt Lehberger Bericht 5222x gelesen
Buch und The Captive Slave, J. P. Simpson, 1827 The Art Institute of Chicago
Buch und The Captive Slave, J. P. Simpson, 1827 The Art Institute of Chicago  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] In dem Buch „Caste“ oder „Kaste“ verfolgt die Autorin die These, dass der amerikanische Rassismus in den USA gegen die Schwarzen, die Unterdrückung der „Unberührbaren“ in Indien und die Judenverfolgung in Deutschland während der Herrschaft der Nationalsozialisten Gemeinsamkeiten haben.

In allen drei Herrschaftsformen wird eine soziale, ökonomische Hierarchie aufgebaut, die die Gesellschaft spaltet. Auf der einen Seite sind die, die die Macht und die Privilegien haben, auf der anderen Seite sind die Unterdrückten, die Verletzlichen. Die einen erfahren Ehre, Respekt und materiellen Wohlstand, die andere Verleugnung, Not und Entbehrungen. Die Einen Sicherheit und Freiheit, die anderen Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung (Holocaust). Die menschliche Bedeutung der Kaste ist für viele in der untergeordneten Kaste bis in die Gegenwart prägend. In den USA gibt es immer wieder Vorfälle von Gewalt mit rassistischem Hintergrund.

Ein Beispiel ist der Tod von Heather Heyer, die bei einer Gegendemonstration gegen den Aufmarsch „Vereinigt die Rechte“ der Neonazis in Charlottesville im Jahr 2017 von einem rechten Amerikaner mit dem Auto tödlich verletzt wurde. Ebenso prägend und aktuell ist die #BlackLivesMatter Bewegung in den USA, die nach der Tötung von George Floyd in 2020 die Sichtbarkeit der Unterdrückung der Schwarzen im Alltag hervorbrachte. Das Kastensystem ist die Architektur der Hierarchie, die die gesamte Gesellschaft bestimmt. Es geht nicht um Moral, sondern um Macht.

Martin Luther King sprach für 20 Millionen Amerikaner. Die Schwarzen waren in die niedrigste Kaste gezwungen worden. Das entsprach der Verletzung des Gleichheitsprinzips (Violation of Equality). In USA begann die Sklavengesellschaft 1619 in Virginia. Die Sklavenschaft dauerte von 1619 bis 1865. 250 Jahre lang war die Sklaverei legal. Der "Circadian Act" oder Naturalisation-Gesetz von 1790, begrenzte das US-Bürgerrecht auf "freie weiße Personen". Damit ist die obere Kaste, die Supremacy, die Kaste der Weißen, die untere Kaste, die der Schwarzen. Das Ende der Sklaverei im Jahr 1865 durch Abraham Lincoln nach dem Bürgerkrieg mit 750.000 Opfern bedeutet aber nicht, dass der Rassismus gegen die Schwarzen zu Ende war.

Im Gegenteil: die „Jim Crow Laws“, die Gesetze zur Umsetzung der Rassentrennung, der Segregation, endet erst in den 1960er Jahren, als die Zivilrechtsbewegung die nationale Unterstützung erhielten und das Bürgerrechtsgesetz (Civil Rights Act) 1964 in Kraft trat. Damit wurde die Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder nationaler Herkunft verboten. Jim Crow war eine fiktive Figur eines schwarzen Sklaven, die im Theater bis 1860 gespielt wurde und populär wurde, sodass die Segregationsgesetze in den Südstaaten nach ihr benannt wurde.

Du Bois, ein schwarzer Soziologe, der in seinem 1935 erschienenen Hauptwerk „Black Reconstruction in America“ über die Bedingungen nach dem Bürgerkrieg wiederholt Bezüge herstellte: „Der Sklave wurde frei“, schrieb er, „stand einen kurzen Augenblick in der Sonne; dann kehrte er zurück in die Sklaverei. Die ganze Last Amerikas wurde der Hautfarbe aufgebürdet.“ Die Sklaverei war furchtbar. Die Menschen wurden ausgepeitscht, gefoltert (Waterboarding), vergewaltigt, gedemütigt … und alles unter dem Dach des Gesetzes. Ökonomisch waren die Sklaven die billigsten Arbeitskräfte auf den Plantagen. Sie lebten häufig in Lagern und hatten keine Möglichkeit, ein eigenständiges Leben zu führen oder eine Familie zu gründen.

„Für die Schrecken im Leben der amerikanischen Schwarzen gibt es fast keine Worte.“, schrieb James Baldwin. Im Jahre 1921 wurden Schwarze gelyncht. Noch 1935 gab es „Lynching postcards“ die gerne versendet wurden. Im Jahre 1958 waren 94\% der Amerikaner gegen Mischehen, Weiße und Schwarze sollten nicht heiraten. Charles W. Milles schrieb, er kenne einen schwarzen Architekten, der gelernt habe, den Architektenplan kopfüber zu lesen, weil er wusste, dass er nie neben einem Weißen sitzen könne, da sie sich unwohl fänden, neben ihm als Schwarzer zu sitzen. So setzte er sich gegenüber zu den Weißen an den Tisch und erklärte den Plan von der umgekehrten Richtung.

Die folgende Geschichte ist ein eindrucksvolles Beispiel des alltäglichen Rassismus in den 1950er Jahren: Ein schwarzer Junge, der zu einem Baseball Team gehört, wird 1951 daran gehindert, im Schwimmbad zusammen mit den anderen Jungen, die alle weiß sind, zu schwimmen. Der Kontakt der schwarzen Haut mit dem Wasser soll vermieden werden, so dass die Weißen nicht in einem „verunreinigten Wasser“ schwimmen müssen. Das schwarze Kind wurde dann als Kompromiss auf eine Luftmatratze übers Wasser gezogen, alle Weiße saßen am Beckenrand und schauten zu. Welche Demütigung für ein Kind! Diese Geschichte hat der Schriftsteller Mel Watkins 1951 in Youngstown, Ohio, erlebt und sie lässt ihn bis heute nicht in Ruhe.

Niemand der Anwesenden hat sich der demütigenden Segregation entgegengestellt. Die Sklavenhaltung dauerte 246 Jahre. 13 Generationen von afrikanischen Amerikanern. Danach kamen wieder 100 Jahre unter Jim Crow Segregation, Rassentrennung. Über 500 Jahre wurden keine Vermögen oder andere Errungenschaften vererbet. Die neue Generation musste immer wieder von vorne beginnen, sozusagen bei null anfangen. Bis weit in die 1960er Jahre war im amerikanischen Süden das bloße Einsteigen in einen öffentlichen Bus eine demütigende Prozedur für die Schwarzen. Sie durften nur im hinteren Teil des Buses sitzen.

Bekannt ist der Montgomery Bus Boycott von 1955, der von Martin Luther King angeführt wurde. Rosa Parks kam von der Arbeit und setze sich auf einen freien Platz im Bus, der für Weiße reserviert war. Sie wurde verhaftet. Das löste den Protest der schwarzen Amerikaner (African Americans) aus und sie boykottierten das städtische Bussystem. Der alltägliche Rassismus. Ein aktuelles Beispiel der Autorin: Wilkerson verlangt von einem Handwerker, dass er die Farbeimer wegnimmt, nach dem er seine Arbeit getan hat. Der Maler ignoriert ihren Wunsch, erfindet eine Ausrede. Der Nachbar, ein Weißer, bekommt diesen Zwischenfall mit und mischt sich ein. „Wenn Du Geld für Deine Arbeit bekommen willst, hast Du den Job zu Ende zu machen.“

Jetzt geht es plötzlich. Der Maler nimmt die Eimer mit. (Die Geschichte wird im dem Film Origin gezeigt.) Der Trayvon Martins Fall. Ein 17-jähriger Schwarze wird 2012 in der Nacht von einem Wachmann ohne Grund erschossen. „Du kannst als Schwarzer nachts nicht in einer „weißen“ Straße herumspazieren ohne Schwierigkeiten zu erwarten“ kommentiert Wilkersons Mutter. Der Rassismus ist Tatsache im Alltagsleben der schwarzen Bevölkerung.

Deutschland unter den Nazis. Ein Mann namens August Landmesser hebt nicht die Hand zum Hitlergruß. Er ist der Einzige unter hunderten Teilnehmern. Das Foto wurde bei einer Betriebsversammlung bei Blom&Voss im Jahr 1936 gemacht. Landmesser war ein Deutscher, der in eine jüdische Frau namens Irma Eckler verliebt war. Er war davon überzeugt, dass die Juden Menschen wie die Deutschen waren und nicht Untermenschen, wie es die Nazis behaupteten. Sie heirateten später, wurden dann von den Nazis im Zuge der Nürnberger Gesetze, das sogenannte Blutschutzgesetz, getrennt. August Landmesser wurde in einem Strafbataillon eingesetzt und seit dem Jahr 1944 galt er als vermisst. Irma Eckler wurde 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg getötet.

Im Jahr 1933 waren zwei Anthropologen in der Nationalbibliothek in Berlin, Dr. Allison Davis und seine Ehefrau Elisabeth. Sie werden nach ihrem Bibliotheksausweis und nach ihren Personalausweisen gefragt. Dabei stellt er der Angestellten der Bibliothek die Frage, wann ist das Buch ‚Im Westen nichts Neues‘ von Erich Maria Remarque wieder zurück? Die Angestellte schaut kritisch, der Autor galt als unpatriotisch und seine Bücher standen auf der Liste der verbotenen Bücher. Erich Kästner beobachtete die beiden, als sie in der Nationalbibliothek nach Büchern von Erich Maria Remarque fragten. Als Erich Kästner sie vor der Bibliothek anspricht, waren sie bereits fünf Wochen in Berlin.

Kästner warnt sie, alles sei in Stücke gerissen. Angesichts der Aufmärsche der Nazis und Bücherverbrennungen, rät er ihnen dringend, so schnell wie möglich Deutschland zu verlassen und nach USA zurückzukehren. Das taten sie rechtzeitig, bevor Hitler die Macht ergriff. Kästner und die beiden Anthropologen aus den USA beobachteten eine Bücherverbrennung im März 1933 in Berlin, die öffentlich durchgeführt wurde. Es wurden 20.000 Bücher verbrannt. Darunter Bücher von Sigmund Freud, Heinrich Mann, Ernst Gläser, Erich Maria Remarque, Georg Bernhard, Erich Kästner u.a. Wilkerson zitiert Heinrich Heine: “Wenn sie Bücher verbrennen, verbrennen sie bald Menschen.“ Heine war ein jüdischer, deutscher Dichter.

Kästner wendet sich an die Besucher: „Verlassen sie Deutschland, Gehen sie nach Hause so schnell wie möglich. Sie sind sicherer zu hause.“ Allison Davis (Anthropologe) ist für seine umfassende anthropologische Forschung über Rasse und Klasse im Süden der USA in den 1930er Jahren bekannt. Wilkerson versucht eine Verbindung zwischen dem Rassismus in den USA, der Judenverfolgung in Deutschland und dem Kastensystem in Indien herzustellen. Der amerikanische Rassismus gründet sich auf die Unterordnung, der Herrschaft über den Schwarzen zum Zwecke des ökonomischen Nutzens in der Kolonialzeit und in der kapitalistischen Produktion. Die Menschen werden aus Profitgründen ausgenutzt.

Bezogen auf die Juden und den Holocaust: das Endziel war nicht Unterordnung, sondern Vernichtung, Extermination. Das sei etwas völlig anderes, macht Wilkerson deutlich. Blick nach Indien. Das Kastensystem teilt die hinduistische Gesellschaft in vier Varnas, mit den Brahmanen (Priester) an der Spitze und die Dalits auf der unteren Stufe. Kaste kommt aus dem Portugiesischen „casa“, das in der Renaissancezeit für Rasse steht. Die Dalits hatten kein Wasser und kein Land. Sie konnten daher nicht für ihre Familien sorgen. Sie waren verdammt, die niedrigsten Arbeiten auszuführen. Die Dalits säuberten die Sanitäranlagen mit den Händen. Selbst ihre Schatten galten als verschmutzend, so dass sie hinter sich her die Wege säuberten.

Das ist kein Rassismus, da es kein Schwarz und Weiß bei den Indern gibt. Es hat aber die gleiche Ursache und Wirkung. Ein Kastensystem, das einer Gruppe den Platz in der Hierarchie der Gesellschaft zuweist. So wie die Nazis den Juden die unterste Stufe in der Hierarchie zuwiesen und diese entmenschlichten und ermordeten. All diese Schubladen (Containers) haben eines gemeinsam, es ist nicht Rasse, sondern Kaste. Heute noch sind die Dalits der Gewalt in Form von Vergewaltigung, Demütigung und Ermordung ausgesetzt. In Indien wird alle 15 Minuten ein/e Dalit angegriffen. Jeden Tag werden zehn Dalit Frauen vergewaltigt. Das sind die offiziellen Zahlen, die Dunkelziffer ist höher.

Junge Dalit Studenten berichten von institutionalisierter, systematischer Diskriminierung. Das Kastensystem wirkt in der Weise, dass die Dalit-Menschen brutal behandelt werden, um den Oberen in der Hierarchie ihren Platz zu sichern. Martin Luther King besuchte 1959 nach dem Montgomery Bus Boykott Mohanda Gandhi in Indien. Er sah die Ähnlichkeit der Situation der „Unberührbaren“ und der schwarzen Bevölkerung in USA und sagte: „Ja, ich bin ein Unberührbarer, und jeder Schwarze in den USA ist ein Unberührbarer.“ Dr. B. R. Ambedkar (1891 – 1956) gehörte der untersten Kaste, der Mahar (Dalit) Kaste in Indien an, die als „Unberührbare“ behandelt wurden und sozioökonomischer Diskriminierung ausgesetzt waren.

Als Schuljunge durfte er kein Wasser in der Schule berühren. Er galt als „Unberührbarer“, ein Dalit. Er saß in der Schulklasse auf dem Boden, während alle anderen in den Schulbanken saßen. Er war fleißig und intelligent. Er studierte später in den USA an der Colombia Universität und danach an der London School of Economics. Er war Jurist, Wirtschaftswissenschaftler, Sozialreformer und Justizminister und trat für die Rechte der Dalits ein. Er selbst konvertierte als Hindu zum Buddhismus. Im Laufe der Jahre schenkte er der untergeordneten Kaste in Amerika besondere Aufmerksamkeit. Die Inder waren sich der Notlage der versklavten Afrikaner und ihrer Nachkommen in den Vereinigten Staaten vor dem Bürgerkrieg schon lange bewusst.

„Es gibt so viele Ähnlichkeiten zwischen der Lage der Unberührbaren in Indien und der Lage der Schwarzen in Amerika“, schrieb Ambedkar an Du Bois. Du Bois antwortete Ambedkar, er kenne ihn tatsächlich und habe „vollstes Mitgefühl mit den Unberührbaren Indiens“. Es war Du Bois gewesen, der für die Marginalisierten in beiden Ländern seine Stimme erhob. Wilkerson schreibt, dass diese Marginalisierungen in Indien und in den USA miteinander verbunden seien (connected issues). Alles sei miteinander verbunden.

In den Protokollen von 1934 ist aufgezeichnet, dass die amerikanischen Rassengesetze, die Jim Crow Gesetze, als Vorbild dienten, um die Unterordnung der deutschen Juden einzuleiten. Bei dem Treffen verwiesen mehrere Nazi-Beamte auf die Arbeit eines jungen Juristen namens Heinrich Krieger, der an der University of Arkansas School of Law in den USA studiert hatte. Dort untersuchte er, wie Gesetze in den USA die Entrechtung und Segregation von amerikanischen Indigenen, Afroamerikanern und anderen nicht-weißen Gruppen regelten. Das Rechtsmodell der USA wurde von den Nazis als Vorbild für die Kontrolle von Juden und anderen Minderheiten in Deutschland betrachtet.

Die Inspiration für die Nürnberger Gesetze kam direkt aus Kriegers Forschungen zu den amerikanischen Rassengesetzen, darunter auch Verbote von Mischehen. In den Protokollen heisst es: „…unser Problem ist anders gelagert, die Juden müssen nachhaltig für immer von uns ferngehalten werden. Segregation wie in den USA ist nicht die Lösung, solange die Juden ökonomische Macht haben und überall ihren Reichtum zeigen. Die Vermischung von Deutschen und Juden muss ein Ende haben…“ Der Blue Print der Nazis für die Vernichtung der Juden wurde aus den amerikanischen Versklavungs- und den Segregationsgesetzen gegen die Schwarzen genommen.

Das Kastensystem in Amerika, in Deutschland und in Indien waren das gleiche System. Die „Interconnectness“, die gegenseitige Verbindung, die Vernetzung, ist das Thema, der Studie von Isabel Wilkerson. Es geht um die Kaste, ein Phänomen, das eine Gruppe von Menschen sich über eine andere Gruppe in einer Hierarchie stellt wird. Daraus entstehen die Nutznießer und auf der anderen Seite die Opfer. Literatur: Caste: The Origins of Our Discontents, 2020 von Isabel Wilkerson; deutsche Übersetzung: Kaste: Die Ursprünge unseres Unbehagens. von Isabel Wilkerson, 2023 Film: „Origin“ ist ein US-amerikanischer Biografie-Drama-Film aus dem Jahr 2023, geschrieben und inszeniert von Ava DuVernay. Er basiert auf dem Leben von Isabel Wilkerson.

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