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Buchempfehlung: Marseille 1940 von Uwe Wittstock

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 23.06.2024, 17:39 Uhr
Presse-Ressort von: Kurt Lehberger Bericht 4388x gelesen
Marseille 1940: Die große Flucht der Literatur u.a. Bücher
Marseille 1940: Die große Flucht der Literatur u.a. Bücher  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Marseille 1940: Menschen auf der Flucht, Migranten*innen. Heute sehen wir in Deutschland Migranten*innen, die zu uns kommen. In Marseille 1940 sind es die Menschen im Exil aus Deutschland und Österreich, die aktiv für eine demokratische Ordnung eintraten und sich offen gegen die Nazis bekannten.

Daher wurden sie auf eine Liste der am meisten gesuchten Nazigegner gesetzt. Schriftsteller*innen, Intellektuelle, Künstler*innen, Journalisten*innen – mit den Namen: Anna Seghers, Lion Feuchtwanger, Walter Benjamin, Hannah Arendt, Heinrich Mann, Franz Werfel, Max Ernst, Konrad Heiden u.a. Juden und Jüdinnen, unabhängig ihrer religiösen Praxis, wurden aufgrund ihres Status Jude/Jüdin zu sein verfolgt. Marc Chagall ist ein prominenter Künstler, der mit den anderen Exilanten in Marseille verbrachte bis er sein Visa in die USA über die Vermittlung von Varian Fry erhielt.

Als im Juni 1940 Frankreich von der Wehrmacht besiegt wurde, mussten die Migranten in die unbesetzte Region flüchten, um dem Zugriff der Gestapo zu entkommen. Marseille war die große Hafenstadt von der Schiffe nach Amerika, Asien und Afrika fuhren. In Marseille nahm Varian Fry als Aktivist der ERC Emergency Rescue Committee seine Arbeit auf. Er sollte 120 Menschen die Flucht in die Freiheit ermöglichen. Als er 1941 Marseille verließ, waren es 2.200 Personen, denen durch ihn die Flucht in die Freiheit gelungen ist.

Das Buch schildert die einzelnen Fluchtgeschichten sehr spannend und detailliert. Uwe Wittstock zeigt die Begegnungen zwischen den Menschen auf der Flucht. Sie waren Tür an Tür im Hotel Splendide in Marseille und später in der Villa Air Bel am Rande von Marseille untergebracht. Viele nutzen gemeinsam unter der Führung von Lisa und Hans Fittko die schwierigen Fluchtwege über die Pyrenäen. Die Methoden von Fry sind sehr kreativ und nicht immer gesetzeskonform – was in einer Willkürherrschaft unter Marshal Pétain ein Akt des Widerstandes ist. Die politische Diplomatie zwischen den USA und Nazideutschland ist noch ohne klare Richtung. Die USA sind erst 1941 nach dem japanischen Luftangriff auf Pearl Harbor in den zweiten Weltkrieg eingetreten.

Die Deutschen, die in Frankreich lebten, wurden in Internierungslager gebracht. Die Männer in Les Milles, die Frauen in Gurs. Le Vernet war das schlimmste, Saint Nocolas das erträglichste… Uwe Wittstock schildert uns die unmenschlichen Bedingungen der Lager: es gab kaum Wasser, verschmutzte Latrinen, Hunger, Hitze im Sommer und Kälte im Winter. Anna Seghers besuchte ihren Mann Rodi in Le Vernet. Zuvor muss sie die unbesetzte Zone mit ihren zwei Kindern erreichen. Sie fährt von Paris mit dem Zug nach Moulin, nahe der Grenze der unbesetzten Zone.

Mit Hilfe einer französischen Bäuerin gelingt es ihr und den Kindern, in die unbesetzte Zone zu kommen. So wie diese mühselige und unter Todesgefahr durchgeführte Flucht von Anna Seghers schildert uns Uwe Wittstock ein Dutzend spannende Fluchtgeschichten. Der Autor Uwe Wittstock ist ein Meister des Storytellings. Er gewinnt Herz und Verstand. Es bleibt etwas hängen. Gezeigt werden: die Solidarität mit den Verfolgten von vielen Franzosen*innen und untereinander, das verantwortungsvolle Handeln im Sinne der Menschlichkeit bei einigen Agenten der staatlichen Behörden und die Unterstützung durch Spenden und Geschenke.

Hier zeigt sich, dass immer wieder Geld der Schlüssel für das Fluchtgelingen gewesen ist. Mary Jayne Gold und Peggy Guggenheim finanzierten mit viel Geld die Fluchtmittel und halfen auch mit Bargeld aus, damit die Menschen nicht hungern mussten. Das ERC selbst verfügte über Geld aus USA, das Varian Fry für die Exilanten ausgeben konnte. Die Sammlung der einzelnen Fluchtdramen wird ergänzt durch die Beschreibung der Organisation des ERCs und die Beziehungen zu den Vertretern der Regierungen. Die USA wollten sich nicht einmischen und zu Hitler gegenüber neutral sein. Sie wollten keine Juden*innen aufnehmen, die den Arbeitsmarkt belastet hätte.

Ebenso wollten sie keine Visen an Kommunisten*innen ausgeben. Die Intellektuellen, die sich als überzeugte Kommunisten*innen bezeichneten, mussten Visen von anderen Ländern erhalten. Mexiko war ein sehr beliebtes Land bei den Kommunisten*innen. Stefan Zweig, Anna Seghers, Victor Serge und Gustav Regler erhielten Visen nach Mexiko. Eine Schattenseite gab es. Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Golo Mann haben sich nach der Flucht in den USA über die Hilfe, die sie bekommen haben, unvorsichtig geäußert, so dass das ERC in Bedrängnis geriet.

Buch- und Filmempfehlung: Valarian Fry „Surrender on Demand“. Lion Feuchtwanger: „Der Teufel in Frankreich“. Film Netflix: Transatlantic, 2023 Dialog aus dem Film: Der Polizeipräfekt von Marseille: „Das sind alles kriminelle Ausländer“, „Nein, sie sind auf der Flucht“, entgegnet Hr. Fry vom ERC, „das ist doch ein und dasselbe“, kontert der Präfekt. Wittstock führt im Anhang ca. 125 Bücher auf, die er seinem Buch zugrunde legt und in seiner Recherche benutzt hat.

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