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Saarabstimmung 1935, 1955

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Saarbrücken, 13.12.2025, 18:08 Uhr
Presse-Ressort von: Kurt Lehberger Bericht 6818x gelesen
Völklinger Hütte 2025
Völklinger Hütte 2025  Bild: Kurt Lehberger

Saarbrücken [ENA] Wir schauen 90 Jahre zurück. Das Saarland ist gemäß dem Versailler Vertrag unter französischer Administration. Hermann Röchling ist Gegner des Versailler Vertrages und kein Freund von Frankreich. Er lässt H. wissen, wie viele Juden im Saarland leben und warnt vor jüdischen Flüchtlingen.

„Sehr geehrter Reichskanzler, im Saarland lebten 1927 etwa 4.200 Juden, von denen nach den gängigsten Schätzungen 2.800 wahlberechtigt sind, bei einer Gesamtbevölkerung von 850.000 Seelen und 520.000 Wahlberechtigten. [...] Gemäß Artikel 39 des Versailler Vertrags über den Status des Saarlandes sollte der Völkerbundrat die Bedingungen für die Übertragung des Saarlandes an Deutschland festlegen. Das heißt, aufgrund anderer Bestimmungen würde das Saarland nach 1935 zweifellos zu einem Naturschutzgebiet für Juden werden. Es erscheint jedoch notwendig, sehr bald geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um zu verhindern, dass die Saarregion zu einem jüdischen Ghetto für ganz Deutschland wird.” (1)

Im Vorfeld der für 1935 angesetzten Saarabstimmung gründete Röchling zusammen mit dem Leiter des Christlichen Gewerkschaften Peter Kiefer und dem Gauleiter in der Pfalz Joseph Bürkel 1933 die Deutsche Front, die sich den Anschluss des Saargebiets an das Deutsche Reich zum Ziel setzte. Bereits im 1. Weltkrieg hatte Hermann Röchling Kriegsverbrechen begangen. Er wurde als Kriegsverbrecher in Amiens zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Erst durch ein Gesetz der Vichy-Regierung vom 18. Mai 1942 wurde das Urteil von Amiens gegen ihn aufgehoben.

Hermann Röchling führte die Propaganda seit 1933 an. Er organisierte Großveranstaltungen außerhalb des Saarlandes. Z.B. kamen am Rhein am Niederwalddenkmal in Rüdesheim am 28.8.1933 über 200.000 Personen zusammen, um die Vereinigung der Deutschen zu feiern und der anstehenden patriotische Eingliederung des Saarlandes Gewicht zu verleihen. Die Plebiszit-Kommission verbot Manipulation und propagandistische Agitation vor der Volksabstimmung. Am 26. August 1934 trafen sich H. und Röchling in Köln zur Eröffnung der Ausstellung “Deutsche Saar”. Die Propaganda zur Saarabstimmung wandte sich an das Gefühl der Saarländer „Heim, ins Reich zu kommen“ Kurz. „Nix wie hemm!“.

Dagegen stand die Alternative „Status Quo“ d.h. alles so zu lassen, wie es ist, also ein Mandatsgebiet des Völkerbundes zu bleiben oder die dritte Option: mit Frankreich vereinigt zu werden. Der Parteibeitritt zur Deutschen Front wurde unter Druck forciert. Eine Weigerung führte zu politischer Verfolgung. Im Mai 1934 hatte die Deutsche Front über 455.000 Mitglieder. Die Propaganda innerhalb des Saarlandes wurde bei der Deutschen Front gebündelt, während das Reichspropagandaministerium im Deutschen Reich für die Rückgliederung des Saargebietes warb.

Röchling wetterte gegen Frankreich und den Versailler Vertrag “Die greußliche Fratze des französischen Martialismus und Atheismus grinst uns von jeder der 1.349 Seiten dieses Schandvertrages entgegen.” (2) Die KP bekannte sich früh zum Status-Quo: „Wir werden mit allen Mitteln verhindern, dass das Saarproletariat und die Werkstätigen an der Saar unter die Blutdiktatur Hitler-Göring kommen“. (3) Die SPD lehnte bereits im August 1933 die Rückgliederung an „Hitler-Deutschland“ ab. Am 30.6.1934 gründeten die SPD zusammen mit der KP die Einheitsfront für den Status-Quo. Erst sehr spät, am 16.12.1934 empfahlen die Gewerkschaften ihren Mitgliedern für den Status-Quo zu stimmen.

75% der Saarländer waren katholisch. Die Bischöfe von Trier und Speyer beriefen sich auf das Reichskonkordat und untersagten jede politische Stellungnahme. Trotzdem deuteten sie ihre Richtung unmissverständlich an: „Unsere Anweisung berührt nicht die sittliche Pflicht der Liebe zum angestammten Volkstum und der Treue zum Vaterland. Die Liebe und Treue sind vielmehr nach katholischer Lehre sittliche Tugenden…“ (4) Die Ergebnisse der Abstimmung am 1935 waren eindeutig für die Rückführung ins Deutsche Reich. Über 90 Prozent stimmten dafür. Ergebnisse: Vereinigung mit Deutschland: 90,8 %; Vereinigung mit Frankreich: 0,4 %; Status-Quo: 8,8%.

Die ersten Zwangsarbeiter der Völklinger Hütte, französische Kriegsgefangene, trafen am 6. August 1940 bei den Röchling'schen Eisen- und Stahlwerken ein. Sie wurden in einem Barackenlager hinter dem Schlafhaus untergebracht. "Wer lässig arbeitet, die Arbeit niederlegt, andere Arbeiter aufhetzt, die Arbeitsstätte eigenmächtig verlässt usw., erhält Zwangsarbeit im Arbeitserziehungslager. Bei Sabotagehandlungen und anderen schweren Verstößen gegen die Arbeitsdisziplin erfolgt schwerste Bestrafung, mindestens eine mehrjährige Unterbringung in einem Arbeitserziehungslager".

Die Gesamtzahl der Zwangsarbeiter in der Völklinger Hütte im Zweiten Weltkrieg betrug 12.393 davon waren 2.441 Zwangsarbeiterinnen und 579 Kinder. 261 sind offiziell zu Tode gekommen, 5.836 gelten als ND = nicht dokumentiert. (5) Das berüchtigte Arbeitserziehungslager war in Etzenhofen, etwa 15 km von der Völklinger Hütte entfernt. Ausländische Zwangsarbeiter*innen wurden hier "diszipliniert", d. h. geschlagen, von Wachhunden gebissen, unmenschlich behandelt. Bis über 400 Menschen fasste das Konzentrationslager. Die Zwangsarbeiter*innen kamen aus Osteuropa und aus Frankreich. Röchling hat dieses Lager einrichten lassen.

Hermann Röchling trat zum 1. November 1935 in die Partei ein. Er war Aufsichtsratsmitglied in zahlreichen Firmen der Montanindustrie und wurde bald darauf zum Wehrwirtschaftsführer. 1941 wurde er Präsident der Industrie- und Handelskammer des Saarlandes. Röchling konnte sich durch die persönliche und freundschaftliche Beziehung zu Göring Schlüsselpositionen in der Schwerindustrie sichern. Er wurde Leiter der Wirtschaftsgruppe eisenschaffende Industrie und Chef der Kreisvereinigung Eisen und war ein einflussreicher Mann in Speers Produktionsministerium. Das Beziehungsgeflecht wurde ausgebaut. Ein Mitglied der Geschäftsführung des Röchlingwerks in Völklingen wurde von Göring bei den Waffenwerken Brünn zum Oberdirektor berufen.

Die Reichswerke Hermann Göring beschäftigten bis über 600.000 Arbeiter*innen, davon waren ab 1943 über die Hälfte Zwangsarbeiter*innen. Sie umfassten in 1944 260 Unternehmen mit 2,8 Milliarden Reichsmark Kapital. Damit waren sie der größte und kapitalstärkste Konzern im Reich. Nach Aussagen der „Deutsche Volkswirt“ waren die Röchling-Buderus AG ein Schulbeispiel der Unternehmenskapitalisierung. Der Hochofenbetrieb der letzten Jahre hat zu exorbitanten Gewinnen geführt. (6)

Nach 1945: „Der saarländische Industrielle Hermann Röchling, einer der Gewaltigen der deutschen Stahlindustrie, wurde von einem französischen Militärgericht in Rastatt zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Er war angeklagt, Hitlers Angriffskrieg unterstützt, Kriegsverbrechen begangen und ausländische Arbeiter ausgenutzt zu haben.“ (7) Hermann Röchling wurde am 18. August 1951 aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus der Haft entlassen. Er durfte das Saarland nach der gerichtlichen Auflage nicht mehr betreten.

Am 23. Oktober 1955 wurde eine Volksbefragung über eine Europäisierung des Saarlandes durchgeführt, in der 67,7 Prozent der abstimmenden Saarländer „Nein“ sagten. Am 27. Oktober 1956 wurde der Saarvertrag abgeschlossen. Das Saarland wurde am 1. Januar 1957 das zehnte Bundesland der Bundesrepublik Deutschland. Wäre die Saarabstimmung zugunsten Status Quo oder Eingliederung in Frankreich ausgegangen, hätten die Saarländer eine ähnliche Behandlung wie Elsass/Lothringen erfahren. Dort wurde den jungen Männer die deutsche Staatsbürgerschaft kurzfristig aufoktroyiert und am 25.8.42 erfolgte der Wehrpflichtbeschluss im Elsass, am 29.8.42 in Lothringen. Das war absolut illegal und widersprach dem Völkerrecht.

Staatsrechtlich gesehen, gehörten Elsass und Lothringen zu Frankreich. Diese Zwangsrekrutierung in die Streitkräfte der Besatzungsmacht war völkerrechtswidrig. Die Vichy-Regierung widersetzte sich den Anordnungen nicht. In Saargemünd (ca. 15 km von Saarbrücken) kam es am 18.2.1943 vor der Kaserne zu Protesten. Viele wurden verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Sippenhaft wurde ausgeübt. Die Familien der Abtrünnigen bzw. Deserteuren wurden unter Zwang nach Deutschland umgesiedelt. Die jungen Soldaten wurden unter die deutschen Soldaten gemischt und vorwiegend an die Ostfront geschickt. Sie durften max. 15 Prozent einer Kampfeinheit ausmachen. Insgesamt wurden 130.000 Elsässer und Lothringer als Soldaten der Wehrmacht eingesetzt.

Die als Malgré-nous („wider unseren Willen“) eingesetzten Soldaten waren 100.000 Elsässer und 30.000 Lothringer. Davon fanden 42.000 den Tod. Es folgen Quellenangaben: (1) Auszüge aus dem Brief von Röchling an H. am 21. Juli 1933, zitiert aus Quelle: Hermann Röchling : la fabrique du Troisième Reich / Margaret Manale, 2023, Seite 57. (2) Wir halten die Saar!, Autor: Hermann Röchling, S.35. (3) Dialog 12, Stiftung Demokratie Saarland, 2025, Seite 9. 4) Dialog 12, Stiftung Demokratie Saarland, 2025, Seite 24. 5) Weltkulturerbe Völklinger Hütte, Internetseite Zwangsarbeit. 6) Hermann Röchling: Geschäftemacher im Hitler-Reich / Hans Heidler in Die Zeitung (29.10.1943, Nr. 347: Seite 10-11). 7) Aufbau, 23.07.1948, S. 3.

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