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„Wem die Stunde schlägt“ von Ernest Hemingway

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 22.04.2024, 17:41 Uhr
Presse-Ressort von: Kurt Lehberger Bericht 5951x gelesen
Bücher zum Spanischen Bürgerkrieg
Bücher zum Spanischen Bürgerkrieg  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] In den Zeiten des Krieges in Europa sind die historischen Romane wieder lesenswert, um die furchtbaren menschlichen Tragödien, die mit Krieg und Gewalt verbunden sind, zu verstehen und nachzuempfinden. „Wem die Stunde schlägt“ wirft ein Licht auf die russische Einmischung im Spanischen Bürgerkrieg.

Der Roman ist großartig geschrieben. Er erfüllt die Erwartungen an eine historische Erzählung, da er sowohl politische und philosophische Gedanken enthält als auch eine Spannung bei der Lektüre erzeugt. Neben den grausamen Beschreibungen über das Geschehen im Krieg sind auch schöne Passagen wie die Naturschilderungen und eine Liebesgeschichte enthalten. Der Roman zeichnet einzelne Charaktere sehr detailliert nach. Das Zusammenleben und die Gruppendynamik der Personen nehmen einen hohen Stellenwert ein. Die Guerilleros leben sehr bescheiden in einer Höhle, wärmen sich an einem offenen Feuer, essen Eintopf, trinken Rotwein und Whisky. Der Gruppenführer Pablo betrinkt sich häufig und ist eine lebensbedrohende Herausforderung für die Gruppe.

Die Liebeszenen von Maria und Jordan sind sehr romantisch. Maria ist eine junge Spanierin, die die Hinrichtung ihrer Eltern miterleben musste und danach von den Falangisten erniedrigt, misshandelt und vergewaltigt wurde. Sie ist Teil der Guerillagruppe. „Er machte einen Schritt über den Steg und legte seine Hand auf den Arm des Mädchens. Unter seinen Fingern spürte er die Sanftheit ihres Armes in dem abgetragenen Khaki. Sie sah ihn an und lächelte. "Hallo, Maria", sagte er. "Hallo, Engländer", antwortete sie, und er sah ihr braungebranntes Gesicht und die gelbgrauen Augen und die vollen Lippen, die lächelten, und das kurz geschnittene, sonnenverbrannte Haar, und sie hob ihr Gesicht zu ihm und lächelte in seine Augen. Es war wirklich wahr.“

Der Roman beschreibt schonungslos die Geschehnisse im Krieg und die begangenen Kriegsverbrechen. Beispielsweise erzählt Pira, die Frau des Führers der Guerillagruppe, die Hinrichtung verschiedener faschistischer Persönlichkeiten in einem Dorf an der Küste. Die Handlung findet während vier Tagen und drei Nächten gegen Ende Mai 1937 statt. Der Protagonist ist Robert Jordan, ein US-Amerikaner, der in Nordamerika an einer Universität Spanisch unterrichtet. Er hat den Auftrag, eine Brücke zu sprengen. Die meisten Figuren des Romans sind fiktiv. Einige basieren auf realen Personen, die tatsächlich am Krieg beteiligt waren und die politische Dimension des Romans ausmachen.

Hemingway war als Journalist in Spanien und hat in dem Roman seine Erlebnisse, seine Gespräche mit direkt an den Kampfhandlungen beteiligten Personen der Internationalen Brigaden wie Gustav Regler, Alfred Kantorowicz und Mikhail Koltsov (im Roman tritt er unter dem Namen „Karkov“ auf) aufgenommen. Die politischen Inhalte werden beispielsweise in dem Gespräch zwischen Robert Jordan und Karkov in Madrid wiedergegeben. Karkov ist in Wirklichkeit Mikhail Koltsov. Er war Prawda-Korrespondent und berichtete über den Spanischen Bürgerkrieg. Er arbeitete für den Geheimdienst der Sowjetunion. Mikhail Koltsov war Josef Stalins Chefreporter während des Krieges in Spanien. Er hatte eine direkte Telefonverbindung zum Kreml.

Hemingway berichtet, dass Koltsov stets Gift bei sich hatte, um sich im Falle einer Verhaftung und drohender Folter vergiften zu können. Er sollte das Gift auch benutzen, um zwei verletzte Russen auszuschalten, falls die Truppe von Franco sich nähern, um ihre russische Identität verschleiern zu können. Offensichtlich wollte man nicht zeigen, wie dominant die Russen die Geschicke der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg bestimmten. Koltsov und Hemingway waren in der Wirklichkeit Freunde. Hemingway war sehr angetan von dessen Frau und von dessen Geliebte, das wird selbst im Roman in der Figur von Jordan dargestellt. Koltsov war sehr intelligent und gebildet. Er war mutig und er wurde respektiert.

Was im Roman nicht vorkommt, aber aus heutiger Sicht bedeutend ist: Koltsov wurde am 2. Februar 1940 im Zuge der Säuberungen unter Stalin erschossen. Seine dritte Frau, Maria Osten, wurde ebenfalls verurteilt und erschossen. Im Jahr 1954 wurde Koltsov rehabilitiert. Geschichtlicher Hintergrund: Die Linken, die Kommunisten, hatten bei den Wahlen im Februar 1936 die Macht errungen. Sie wollten die Republik. Franco und die faschistische Welt (Mussolini in Italien und Hitler in Deutschland) ließen das nicht zu. Sie kämpften gegen die Republikaner unter dem Faschisten General Franco als Nationalisten oder Falangisten.

Der spanische Bürgerkrieg dauerte vom 17. Juli 1936 bis zur Kapitulation der republikanischen Truppen am 1. April 1939. Die Deutschen unterstützten Franco. Am 26. April 1937 wurde Guernica von der deutschen Luftwaffe bombardiert. Der Krieg wurde in der Luft entschieden. Bekannte Namen werden im Roman zitiert. Einige stehen später auf der Liste von Stalin’s Geheimpolizei und werden umgebracht. Auszüge aus den Gesprächen zwischen Jordan und Koltsov weisen auf die Konfliktlage hin. Karkov erklärt Jordan: „Wir verabscheuen die Doppelzüngigkeit und Schurkerei der mörderischen Hyänen der Bucharinitischen Zerstörer und solcher Abschaum der Menschheit wie Sinowjew, Kamenew, Rykow und ihre Handlanger. ...

Wir hassen und verabscheuen diese wahren Unholde", lächelte Karkov wieder und fährt fort. "Aber ich glaube trotzdem, dass man sagen kann, dass der politische Mord sehr weit verbreitet ist." … „Aber natürlich exekutieren und vernichten wir diese wahren Unholde und den Abschaum der Menschheit und die verräterischen Hunde der Generäle und das abscheuliche Schauspiel der Admirale, die das ihnen entgegengebrachte Vertrauen missbraucht haben. Sie werden vernichtet. Sie werden nicht ermordet. Verstehst du den Unterschied?" "Ich verstehe", erwidert Robert Jordan. Jordan hat keine klare Meinung zu den politischen Morden, die von Moskau aus angeordnet werden. „Solange wir den Krieg nicht gewonnen haben, ist mein Gehirn beurlaubt".

Hemingway spricht davon, dass man das Gefühl hatte, an einem Kreuzzug beteiligt zu sein… „das Gefühl der Hingabe an eine heilige Pflicht“. Gustav Regler titelt seinen Roman über den Spanischen Bürgerkrieg: „The Great Crusade“ (der große Kreuzzug). Ernst Hemingway schreib das Vorwort. Das Buch erschien 1940 in New York. Alfred Kantorowicz berichtet im „Spanischen Tagebuch“, dass sie in der Nacht zum 2. Mai 1937 sich die Whiskyvorräte von Hemingway teilten und bis morgens sich angeregt unterhielten. Beteiligt waren Alfred Kantorowicz, Gustav Regler, Ernest Hemingway, Kurt Stern und Dr. Werner Heilbrunn (er wurde am 13.6.1937 bei einem Luftangriff getötet).

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