Jean-Baptiste Greuze: Die Kindheit im Licht.
Paris [ENA] Das Petit Palais in Paris zeigt rund hundert Gemälde, Zeichnungen und Drucke von Jean-Baptiste Greuze (1725-1805) anlässlich seines 300. Geburtstages. Als Maler des Sentiments und der Seele, ist er eine der bedeutendsten und mutigsten Figuren des 18. Jahrhunderts.
Greuze war ein Visionär der Aufklärung. Er wurde von Rousseau und Diderot stark beeinflusst. Er wagte sich an Themen der Intimität, der Verletzlichkeit der jungen Menschen heran und offenbart die seelischen Verwundungen der Kinder und Jugendlichen. Die Szenen seiner Bilder thematisieren die Erziehung der Kinder, den sexuellen Missbrauch und seine seelischen Folgen. Die Zeit war geprägt von der zunehmenden Bedeutung der bürgerlichen Familien, die die strikte Etikette des Adels ablehnten. Die Kindersterblichkeit war hoch, nur jedes zweite Kind erreichte das 15. Lebensjahr. Die Familie war der Mittelpunkt des Lebens. Fürsorge und Erziehung in der Familie, aber auch traumatische und tragische Szenen werden in Greuzes Bilder gezeigt.
Das aufstrebende Bürgertum forderte mehr Rechte und mehr politische Macht ein. Der Adel und der Klerus versuchten ihre Privilegien zu halten. Kurz vor der Französischen Revolution standen die Übertriebenheit und die Falschheit des Adels in der Kritik. Die neue bürgerliche Klasse forderte gleichen Zugang zu Bildung und Kultur. Montesquieu schrieb „De l’esprit des lois“ Vom Geist der Gesetze (1748) und forderte die Gewaltenteilung. Jean-Jacques Rousseau veröffentlichte „Du contrat social ou principes du droit politique“ - Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes - und „Émile ou De l’éducation“ - Emile oder über die Erziehung - im Jahre 1762.
Rousseau schreibt in Emile, dass der Mensch von Natur aus gut sei. Die Erziehung solle das Kind befähigen, das Beste aus seinem Leben zu machen. Die zentrale Bedeutung des Themas Kindheit in Greuzes Malerei spiegelt die großen Herausforderungen des 18. Jahrhunderts wider. Das Kind war im Adel ein Erwachsener in Miniatur. Nun wurde die Kindheit erstmalig als ein eigenständiges Alter betrachtet. Der Platz des Kindes innerhalb der Familie erhielt eine neue Bedeutung. Hier und später ab 1793 auch in der Schule findet die Erziehung und die Persönlichkeitsentwicklung statt. Die Eltern sind für die Entwicklung des Kindes verantwortlich.
Der Adel gab die Kinder zum Stillen für ein bis zwei Jahre an Ammen auf das Land, um sie später in die aristokratische Familie zurückzuholen. Das Stillen des Kindes durch die eigene Mutter gewann an Bedeutung. Stillen sollte inmitten des Familienlebens geschehen. Greuze nahm diese Themen auf und verfocht damit auch die Ideale der Aufklärung. Freundliche, friedliche und intime Familienszenen, wie „Die Bibelstunde“ „La lecture de la Bible“ malte Greuze. Hier sind alle glücklich vereint. Der Vater liest aus der Bibel. Alle anderen hören gespannt zu oder lassen sich ablenken. Ein Kind versucht, mit dem Familienhund zu spielen, wird aber von der Großmutter zurückgehalten.
Aber der häusliche Raum ist nicht nur ein Ort des Friedens. Bei Greuze ist er oft auch Schauplatz familiärer Spannungen, Unruhen, Orte physischer und psychischer Gewalt. Wie im wirklichen Leben gibt es geizige Väter, verfluchte Söhne, liebevolle Väter, undankbare Söhne, strenge Mütter und geliebte Kinder, beschützende Brüder und eifersüchtige Schwestern ... Greuze ist der Maler des Sentiments. Das Sentiment ist ein Gefühl, das sich noch nicht offen äußert. Greuze zeigt in den Bildern Symbole, die auf die Geschehnisse hinweisen, um die Szene in das richtige Licht zu setzen. Greuze wagt es, die Tragödie des Todes zu zeigen, die auch Kinder erleben können.
Er hinterfragt den Übergang ins Erwachsenenalter, den Verlust der Unschuld, das Erwachen der Liebe, ohne dabei die Begierden zu verschleiern, die die Schönheit des Fleisches bei lüsternen alten Männern oder jungen Draufgängern wecken kann. Der Künstler versteht es, die Vielfalt der Emotionen einzufangen: von sanfter Träumerei bis hin zu Verspieltheit, von Melancholie bis hin zu unendlicher Traurigkeit. In der Tradition der Philosophen, insbesondere Rousseaus, eröffnet Greuze der Kindheit eine neue Perspektive. Sie ist nicht länger eine uninteressante Lebensphase, sondern ein eigenständiges Lebensalter.
„Die Kindheit hat ihre eigenen Sichtweisen, Denkweisen und Empfindungen; nichts ist unsinniger, als diese durch unsere eigenen ersetzen zu wollen; “Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778), Emile oder Über die Erziehung, Emile ou De l' éducation,1762, S. 103. Obwohl die hier dargestellte Bäuerin drei Kinder zu versorgen hat, meistert sie die Herausforderung. Mit einer bestimmten Geste befiehlt sie ihrem Ältesten, mit dem Trommeln aufzuhören, während seine Geschwister schlafen. Hätte dieser kleine Junge nicht auch den Balken an der Stuhllehne rechts zerbrochen? Indem sie den Launen ihrer Kinder nicht nachgibt und sie zu gutem Benehmen erzieht, ebnet diese junge Mutter ihnen den Weg zum Glück – ganz im Sinne der damaligen Erziehungsgrundsätze.
In dem Bild „Jeune fille à la colombe“ - Mädchen mit Taube - scheint das Mädchen zufrieden zu sein. Es umarmt die weiße Taube, die symbolisch für Unschuld und Reinheit steht. Doch der zerbrochene Krug an der Seite deutet an, dass das Mädchen gerade missbraucht wurde. Der Körper ist erstarrt, die Hände sind verkrampft. Die Knie und ihr Rücken sind nackt. Eine ähnliche Interpretation bietet sich für das Bild „La Cruche cassée“ - Der zerbrochene Krug – von 1771, an.
Ein junges Mädchen starrt uns an, ihr Kleid ist zerzaust und das Band gelöst. An ihrem Arm hängt ein zerbrochener Krug. Die teilweise Nacktheit des Mädchens, ihr leerer Blick und ihre zerzauste Kleidung deuten auf eine brutale Szene hin, wahrscheinlich die Folge einer Vergewaltigung. Es ist allgemein anerkannt, dass sich die Sichtweise der Gesellschaft auf Kinder im 18. Jahrhundert gewandelt hat und ihnen einen neuen Platz innerhalb der Familie eingeräumt wurde. Am Ende seines Lebens ist Greuze finanziell ruiniert. Das Interesse für seine Werke nach der Französischen Revolution ist gering.
„Ich habe alles verloren, außer meinem Talent und meinem Mut“, schreibt er 1801. Greuze stirbt arm und verlassen, aber umgeben von seinen beiden Töchtern, in seinem Atelier im Louvre am 21. März 1805. Jean-Baptiste Greuze « L'enfance en lumière » in Petit Palais Musée des Beaux-Arts de la Ville de Paris. Avenue Winston-Churchill, 75008 Paris. www.petitpalais.paris.fr Die Ausstellung ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen.




















































