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Die Wandmalereien in Les Milles

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 01.07.2024, 17:38 Uhr
Presse-Ressort von: Kurt Lehberger Bericht 4427x gelesen
Der Festzug der Lieferanten
Der Festzug der Lieferanten  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Die Wandbilder befinden sich im Speisesaal der Internierungswärter zu der Zeit, als das Lager Les Milles noch in Betrieb war (1939 – 1942). Diese Kunstwerke sind direkt auf den Beton gemalt. Sie wurden im Auftrag der Lagerleitung von den Internierten angefertigt.

Die Wandmalereien sind zwischen Herbst 1940 und Frühjahr 1941 von mehreren Malern ausgeführt worden. Karl Bodek war einer von ihnen. Das Hauptthema ist das Essen. Das erklärt sich leicht wegen des Hungers im Lager. Die Bilder wirken wie ein gedanklicher Fluchtweg. Die Maler waren in ihrem Alltag im Lager stark eingeschränkt, sie litten unter Hunger und Durst. Aus dieser Situation heraus, erschufen sie Wunschfantasien in Bildern und wurden zu Schöpfern. Auf den Wandmalereien steht mit großen Buchstaben geschrieben: „Wenn Ihre Teller nicht sehr gefüllt sind, können unsere Zeichnungen Ihren Appetit stillen.“ … und ein Appell an die Fraternité (Solidarität, Brüderlichkeit):

„Helfen Sie, die Menschenkette zu bilden, indem Sie Ihre Hand ausstrecken.“ Weitere Titel sind: Der Festumzug der Lieferanten. Die Ernte. Die Weinlese. Die Hochzeitsfeiern (les noces) des Gemüses. Eine Gruppe von Häftlingen rollt einen riesigen Käselaib voran, ein Weinfass wird vorangezogen, Der Weinfließt schon aus ihm heraus und wird gleich auf der Fahrt getrunken. Eine riesige Wurst wird vorangetragen, ebenso übergroße Gemüsearten … Für wen tun sie das? Was bleibt bei ihnen? Wir sehen auch surrealistische Elemente, wie die Menschen oder Häftlinge in offenen Sardinendosen eng beieinanderliegen.

Die Bilder wurden hauptsächlich mit Ocker- und Blautönen gemalt und zeugen von der Kultur und der Technik ihrer Schöpfer. Es gibt Anklänge an verschiedene Kunstrichtungen, vom Surrealismus bis zum Konstruktivismus, sowie offensichtliche Ähnlichkeiten mit Comics und Karikaturen. Diese Gemälde sind in zweierlei Hinsicht von Interesse: Einmal als Kunstwerke an sich, zum anderen als integrierte Teil des Denkmals des Internierungslagers Les Milles, das an die vielen Menschen erinnert, die hier festgehalten wurden (ca. 10.000) und von hier aus in die Lager Drancy und schließlich in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht wurden (ca. 2.000).

So wurde der Künster, Karl Bodek, am 11. August 1942 mit einem Konvoi von Les Milles nach Drancy gebracht, von dort in das KZ Auschwitz, wo er ermordet wurde. Die Atmosphäre, die von diesen Gemälden ausgeht, ist fast fröhlich und humorvoll. Das liegt daran, dass sie nicht nur eine dekorative Funktion hatten. Auf der Stirnseite des Speisesaals der Lagerwärter zeigt das „Bankett der Nationen“ – Menschen aller Nationen bei einem Festmahl. Der übergeordnete weiße Mann im Smoking scheint eine satirische Widerspiegelung auf die gewünschte gesellschaftliche Hierarchie des damaligen Systems zu sein. Die Anspielung ist ebenso auf das „Das Letze Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, wogegen Jesus in der Mitte im Kreise seiner Jünger angeordnet ist.

Das Bild ist ein Werk von Karl Bodek, das er noch vor seinem Abtransport nach Auschwitz erschaffen hat. Aus der Anthropologie wissen wir, dass Witze eine Form der Kritik und ein möglicher Ausweg aus starren Strukturen der Gesellschaft oder starre Formen des Denkens sind. Das Potenzial der menschlichen Kommunikation und Kreativität wird genutzt, ein Gefühl der Belustigung zu vermitteln. Die Wandbilder weisen uns auf eine paradoxe Situation hin. Die Wärter erfreuen sich an den Bildern, obwohl diese durch die Komik und Parodie auf Missstände hinweisen. Humor und Witze sind mit den Zeiten und Orten verbunden, in denen sie entstehen.

Häufig werden Gefühle und Vorstellungen über vergangene oder zukünftige Zeiten angesprochen, die die Witze inspirieren und zu Lachern führen können. Ein Beispiel der Situationskomik schildert Lion Feuchtwanger, was er in Les Milles erlebt hat. Sie spielten Fußball im Hof des Lagers. Der Ball fliegt über die Mauer. Der Wachsoldat gibt sein Gewehr einem Gefangenen, um leichter über die Mauer klettern zu können, um den Ball zurückzubringen. In der Tat kann Humor genau dann entstehen, wenn Grenzen überschritten werden und etwas „Unmögliches“ passiert. Die Situation zeigt humorvoll die paradoxe Situation, wenn Menschen von Menschen eingesperrt werden, ohne dass es Konsens für alle ist.

Lion Feuchtwanger beschreibt Les Milles in seinem Roman Der Teufel in Frankreich: was ist nun aus der Liberté, Egalité, Fraternité geworden. In „Les Milles“ gibt es viel Staub, Ziegeln, Holzlatten, Stroh, dunkle, weite Räume, wenig Licht, kaum Wasser, kein Stuhl, kein Tisch, Gestank, Gedränge und die Langeweile der über zweitausend Mitgefangenen … Mit Lion Feuchtwanger sind Walter Hasenclever, Alfred Kantorowicz und Golo Mann und die Künstler Max Ernst und Hans Bellmer in Les Milles inhaftiert.

Das Lager „Les Milles“ wurde unter der Dritten Republik im September 1939 in einer Ziegelsteinfabrik zwischen Aix-en-Provence und Marseille eröffnet und war ursprünglich ein Internierungslager für deutsche und österreichische Staatsangehörige mit Wohnsitz in Südfrankreich. Les Milles ist heute ein Museum, eine Gedenkstätte. "Als einziges großes französisches Internierungs- und Deportationslager (1939-1942), das noch intakt und für die Öffentlichkeit zugänglich ist, beherbergt das Camp des Milles heute ein bedeutendes historisches Museum, das auf Bildung und Kultur ausgerichtet ist. Ein einzigartiger Ort auf der Welt. Ein Besuch, den man nicht verpassen darf." Zitat aus https://de.martigues-tourisme.com/gedenkstatte-les-milles.html

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