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Die heilige Bernadette von Lourdes

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 06.05.2024, 19:58 Uhr
Presse-Ressort von: Kurt Lehberger Bericht 5811x gelesen

Frankfurt am Main [ENA] Am 11. Februar 1858 behauptete die 14-jährige Bernadette Soubirous, ihr sei in der abgelegenen Grotte von Massabielle eine schöne Frau erschienen. Die Gläubigen hielten sie für die Heilige Jungfrau Maria. Tausende von Pilgern besuchen bis heute Lourdes in Südfrankreich. Franz Werfel verbrachte 1940, zur Zeit der Verfolgung der Nazis in Frankreich, vier Wochen in Lourdes.

Er legte für sich selbst den Schwur ab, sobald er wieder in Freiheit ist, einen Roman über Bernadette zu schreiben. „Das Lied von Bernadette“ erschien 1941 in USA. Bernadette ist 14 Jahre alt, leidet an Asthma, wird in der Schule gedemütigt, da sie die älteste ist und die unreifste sei. Sie könnte lange Zeit nicht die Schule besuchen, da sie weggeschickt wurde, um Schafe zu hüten, um die Familie zu entlasten. Die Lehrerin hat keine Sympathie für Bernadette. Sie ist eine Ordensschwester und überhebt sich über die Armen und Schwachen. Bernadette wird nach der Krippe in der Kirche gefragt. Sie schwärmt für die Figuren, die heilige Familie, die ihr in den Skulpturen so lebenstreu wirken.

Sie sieht später die Dame, eine wunderschöne, makellose, sehr junge Frau am Eingang der Grotte. Sie sprechen miteinander, sie bekreuzigen sich nacheinander. Bernadette erzählt ihre Erscheinung der Schwester, diese der Mutter und das Drama beginnt. Beharrlich und sicher bleibt das Kind bei seiner Meinung. Es trotzt den Drohungen und den Hilfsangeboten der Staatsgewalt und der Kirche. Im Spiegel dieser kompromisslosen Haltung erkennen andere ihren Hang zum opportunistischen Handeln, das in dieser Zeit der Marktgesetze an Fahrt gewinnt. Aber das Mädchen ist hart geblieben. "Dutour weiß ein paar Minuten lang, dass der Vorwurf des Opportunismus, den er diesem verhungerten Geschöpf versetzt hat, haargenau auf ihn selbst zutrifft."

Das Mädel hat etwas zu verteidigen, das ist für alle offensichtlich. Das ganze Leben, Hass, Feindschaft, Habsucht, Neid, Angst, Misstrauen, Eifersucht, all das verliert ein beträchtliches Gewicht von seinem Ernst, seitdem die Menschen zusammen das Geschehen in Lourdes vor der Grotte verfolgen und davon beseelt sind. Die Massen werden größer und das Gefühl dabei zu sein, schafft für viele eine neue Wirklichkeit. Der Rationalismus, die Naturwissenschaften, auf deren Erfolg die neue Industriegesellschaft setzt, soll das dubiose Gefühl des Menschen, mehr als Materie zu sein, überwinden und die Vernunft soll alles beherrschen. Seele, Geist und Religion verlieren an Bedeutung.

In Lourdes stoppt diese Fahrt und keiner wagt es, das nicht anzuerkennen. "Im Zeitalter der Industrie bedeutet das Wunder zweifellos einen Notstand des Staates, da es die moderne Gesellschaftsordnung ins Wanken bringt, die alle metaphysischen Bedürfnisse gewissermaßen auf den grasbewachsenen Nebenbahnhof der Religionen abgeschoben hat, damit der große Verkehr des Lebens von ihnen nicht mehr belästigt werde." Ich sehe Franz Werfel in der Reihe von den bekannten Philosophien wie Pascal, Kant, Hegel, Lukacs und Levinas, die sich klar zu einem metaphysischen Element in der Welt bekennen. Ohne das „spirituelle“ Element können sie dem Intellektuellen Schaffen keinen Sinn geben.

Es ist das Wort „spirtualite“ im Französischen, Pascal hatte als Naturwissenschaftler diese spirituelle Erfahrung in den Jahren 1657 – 1688 erlebt (Miracle de la Saint-Epine) und bekannte sich zum Jansenismus. Levinas (1906 – 1995) hat wie Franz Werfel den nationalistischen und menschenverachtenden Terror erlebt. Levinas war einige Jahre im Konzentrationslager. Als Jude und Philosoph stellt er den Begründungszusammenhang zwischen dem Holocaust und der westlichen Philosophie, die sich in das Absolute flüchtet und daher das unmenschliche Handeln im Nationalsozialismus ermöglicht hat.

Franz Werfel schreibt „Der Glaube an das Göttliche ist nichts andres als die wesensüberzeugte Anerkennung, dass die Welt einen Sinn habe, das heißt eine geistige Welt sei.“ und weiter… „Daher kommt es, dass Zeiten, die den göttlichen Sinn des Universums leugnen, vom kollektiven Wahnsinn blutig geschlagen werden, mögen sie in ihrem Selbstbewusstsein sich auch noch so vernunftvoll und erleuchtet dünken.“ Ab dem Zeitpunkt als die Gemahlin Eugenie von Napoleon III. das Heilwasser aus Lourdes anwendete und eine heilende Wirkung glaubte erkannt zu haben, war der Damm gebrochen. Nun konnte sich der Staat nicht mehr mit drastischen Maßnahmen wie Absperrung der Grotte von Massabielle und Versammlungsverbot gegen die Massen stellen.

Der Staat zog sich zurück. Das Heilwasser wurde anerkannt als trinkbares und gesundes Wasser, das wertvolle Mineralien enthalte. In den Pyrenäen gibt es viele heiße Quellen und heilendes Wasser, was schon seit mehr als 400 Jahren bekannt ist und viele prominente Kurgäste aus dem Adel angezogen hatte (Bagnères oder Luz-Saint-Sauveur). Lourdes ist bis dahin noch nicht als Ort für Heilwasser bekannt. Franz Werfel beschreibt die soziologisch-ökonomischen Hintergründe der Familie Soubirous als auch die Herausforderungen der Zeit, die beschleunigende Industrialisierung, der Niedergang der Monarchien und die Bemühungen zur Machterhaltung der Kirche.

Die politischen Interessen der einzelnen Strömungen werden von ihm in den Personen im Roman widergespiegelt. Die Massenpsychologie wie sie von Sigmund Freud in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts analysiert und beschrieben wurde, findet ebenso Einzug in die Schilderungen der Ereignisse, die sich über die ersten Jahre in Lourdes abgespielt haben. Bernadette Soubirous wurde am 7.1.1844 geboren und ist am 16.4.1879 gestorben. Sie wurde in Jahr 1933 heiliggesprochen.

Der Vater verlor unverschuldet die Arbeit, seine selbständige Tätigkeit als Müller. Er rutschte in die Armut als Tagelöhner, der oft keine Arbeit fand und seine Selbstachtung verlor und aus Kummer tagsüber Alkohol trank. Sein soziales Ansehen wurde noch weiter geschwächt mit der fälschlichen Annahme des Diebstahls von Holz, das ihn für kurze Zeit ins Gefängnis brachte. Die Armut trifft die ganze Familie. Die Familie mit drei Kindern wohnt in einer menschenunwürdigen Behausung, in einem alten Gefängnis, sehr beengt und mit feuchten Wänden und mit nur kleinen Fenstern. Bernadette leidet an Asthma und ist schlecht ernährt.

Sie wird aufs Land geschickt, wo sie Schafe hütet. Sie besucht in diesen Jahren keine Schule und kann daher auch nicht zur Kommunion gehen, da sie den Unterricht zur Vorbereitung zur Kommunion versäumte. Die Familie ist solidarisch, sie helfen sich und lieben sich. Sie unterhalten sehr gute Beziehungen zu einigen Nachbarn und Verwandten. Trotz der eigenen Armut hilft man den Kranken und Verzweifelten, soweit man es kann. Der christliche Glaube, das Gebet und der Kirchgang gehören fest zu dem Alltag. Bernadette ist später Schwester im Kloster, weit weg von der Familie.

Sie arbeitet als Krankenschwester im Lazarett. Hier werden die Soldaten aus dem Krieg 1870 versorgt. In dieser schweren Zeit geht es ihr gut. Sie wird gebraucht, sie ist stark und gesund. Sie bleibt aber immer gezeichnet von den schweren Lebensumständen ihrer Kindheit und stirbt schon mit 35 Jahren, abgeschieden im Kloster. Der Roman ist ein Meisterwerk der Erzählkunst. Er bleibt spannend vom Anfang bis zum Ende. Viele Fragen bleiben offen, so wie uns im Leben manche Rätsel ungelöst bleiben.

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