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Die Berliner Tagebücher der Marie Wassiltschikow

Verantwortlicher Autor: Kurt Lehberger Frankfurt am Main, 08.07.2024, 23:23 Uhr
Presse-Ressort von: Kurt Lehberger Bericht 3117x gelesen
Buch: Berliner Tagebücher (engl. Edition)
Buch: Berliner Tagebücher (engl. Edition)  Bild: Kurt Lehberger

Frankfurt am Main [ENA] Die Tagebücher von Marie Wassiltschikow aus den Jahren 1940 bis 1945 beschreiben den Alltag in Berlin, ihre Beziehungen, die sie privat zu ihren Freunden und Freundinnen unterhält, und ihre Arbeit und ihr Engagement als Mitarbeiterin beim Auswärtigen Amt in Berlin.

Hier ist ihr Vorgesetzter und enger Vertrauter Adam von Trott zu Solz. Er war ein Salem Schüler, studierte an der Universität Göttingen, bereiste China als Stipendiat des Rodes Scholar. Er arbeitete für das Auswärtige Amt und war führend im Kreisauer Kreis, ein Think Tank, der sich gegen H. wendete und eine Regierung nach der Nazizeit konzipierte. Er war am Attentat auf H. am 20.7.44 beteiligt und wurde im August 1944 hingerichtet. Marie W. hatte Zugang zur Aristokratie, zu der Bourgeoise und zu den Intellektuellen in Berlin. So war sie auf der Geburtstagsfeier von Freddy Horstmann, ein reicher Kunstliebhaber, der in seinem Salon am Steinplatz Partys organisierte, wo man lebhaft über die drohende Tyrannei der Nazis diskutierte.

Die Gefahr für das eigene Leben wurde noch nicht gesehen. Marie Wassiltschikow unterhielt einen großen Bekanntenkreis in Berlin. Wir begegnen bekannte Namen der Familien Bismarck, Moltke, Metternich, Sayn-Wittgenstein u.a. Sie liest russische Literatur, z. B. die Prophezeiungen von Vladimir Solovyof, wie sie in der Kurzgeschichte „Antichrist“ zu finden sind. Sie enthält eine Vorausschau auf die Grausamkeiten eines modernen Totalitarismus wie sie die Deutschen später in der Naziherrschaft begangen. Marie Wassiltschikow trifft sich mit ihren Freunden*innen im Restaurant Savarins. Sie genießen Lobster, und andere nicht-rationalisierte Delikatessen.

Sie macht sich Gedanken um die Reptilien im Zoo, die wegen der Bombenangriffe aus ihrem Aquarium entweichen können. Gleichzeitig verfolgt sie, wie Italien Griechenland angreift und letzteres die Unterstützung der Briten erhalten, was H. gar nicht gefällt, der keine Briten südlich von Deutschland haben möchte. Den Griechen gelingt es, die Italiener zurückzudrängen. Albanien wird wieder frei. Nizza soll von den Italienern befreit und wieder französisch werden. In Nordafrika werden die Italiener von den Britten im Februar 1941 besiegt. General Erwin Rommel unterwirft wenig später große Teil von Nordafrika. Wir erfahren, was auf der Speisenkarte der Kantine in der Kriegszeit stand. Es gab viel Kohl, fast nie Fleisch, selten Fisch.

Marie W. wurde von Adam Trott in die Strategie der Nazis, ein freies Indien zu unterstützen, um die Britten in Indien zu schwächen, eingeweiht. H. benutze die indische Befreiungsbewegung nur zu Propagandazwecken. Er selbst wollte aus rassenideologischen Gründen kein freies Indien. Jugoslawien und Griechenland widersetzen sich der neuen Ordnung und leisteten erheblichen Widerstand gegen die Deutschen. Dies führte dazu, dass H. an zwei Fronten kämpfte und der Russlandfeldzug sechs Wochen verspätet begann. Im Ergebnis konnte Moskau im tiefen Schnee und einer todbringenden Kälte nicht eingenommen werden. Drei Millionen Soldaten aus verschiedenen Ländern kämpften unter deutscher Führung gegen 4,7 Millionen russischen Soldaten.

Die Anzahl konnte die Sowjetische Großmacht, falls notwendig, auf über 12 Millionen erhöhen. Anfang Dezember 1941 steckten die deutschen Soldaten vor Moskau fest. Am 7. Dezember griffen die Japaner Pearl Harbour an. Bis ins Frühjahr 1942 wurden 2,5 Million Sowjetische Kriegsgefangene in den Camps vernachlässigt und starben den Hungertod. Tagebuchaufzeichnungen vom 13. August 1942: Bombenangriffe auf Mainz und das Rheinland. 80 Prozent von Mainz liegen in Schutt und Asche. Paul Metternich sorgt sich um seine Mutter auf Schloss Johannisberg im Rheingau. 50 Flugzeuge warfen Brandbomben innerhalb von zwei Stunden ab. Das Schloss wurde schwer beschädigt.

Am 29. August 1942 fährt Marie Wassiltschikow mit dem Zug durch das Ruhrgebiet und durch Köln. Sie schreibt, in Köln steht nur noch die Kathedrale. Marie W. besucht Paris und ist begeistert von der Stadt. Aber es gibt keine Heizungen. Sie fror und zog sich eine Erkältung zu. Georgie, ihr Bruder, den sie besuchte, hatte 40 Grad Fieber. Sie schreibt, dass sie für ein anständiges Essen, was aus Austern, Wein, Käse und Früchte bestehe, 100 Franc pro Person, umgerechnet fünf Mark ausgeben muss. Sie besucht die Theater der Stadt und urteilt, dass hier viel mehr geboten wird als in Berlin. Man ist hier fröhlicher, intelligenter und optimistischer.

Marie W. verdient 310 Mark, zahlt 100 Mark Miete und hat hohe Fixkosten, sodass sie sich entschließt, die Wohnung mit jemandem zu teilen. Am 2. Februar 1943 ist der Kampf um Stalingrad entschieden. Die Sowjets nehmen 91 Tausend deutsche in Gefangenschaft. Davon kehren nur sechs Tausend später nach Deutschland zurück. Am 8. Februar verbringt Marie Wassiltschikow einen Skiurlaub in Kitzbühel. Sie nimmt die Mahlzeiten in einem schönen, kleinen Restaurant namens Chizzo ein. Im März 1943 werden im Wald von Katyn die Leichen von vier tausend polnischen Soldaten entdeckt, die von den Russen 1939 hingerichtet wurden. Marie Wassiltschikow stellt später einen Bericht darüber für Präsident Roosevelt zusammen.

Anmerkung zur Aktualität: Am 11. April 2023, also nachdem Putin in die Ukraine einmarschiert ist, heisst es in einem RIA-Artikel (RIA ist eine staatliche russische Nachrichtenagentur), dass "einige russische Historiker der Meinung sind, dass die Exekutionen in Katyn von den Nazis durchgeführt wurden", dass es "Unstimmigkeiten in der Beweislage gibt, auf die sich Warschau stützt" und dass die Russische Föderation der Ansicht ist, dass "der derzeitige Ansatz bei der Behandlung des "Falles Katyn" nicht den Grundsätzen der Objektivität und des Historismus entspricht“. Die Umkehrung von geschichtlichen Fakten geschieht auch hier von Putin als Propagandamittel gegen die westliche Welt.

Marie Wassiltschikow wird wie viele in ihrem Umfeld im Widerstand aktiv. Das „Free Germany Committee“ verbreitete die ersten Nachrichten gegen H. im Radio aus Moskau. Die Mutter von Marie Wassiltschikow engagierte sich in der Unterstützung der russischen Kriegsgefangenen durch Wohltätigkeitsorganisationen und des Internationalen Roten Kreuzes. Die letzte Zustimmung lag bei H. Er verweigerte jedwede Hilfe und Zusammenarbeit. Daraufhin leitet sie die Hilfsgüter um nach Finnland. Hier wurden die russischen Kriegsgefangene nach der Genfer Convention behandelt. Am 12. Oktober gibt Marie Wassiltschikow eine Cocktailpartie. Sie tranken Wein, Vermouth und Champagner.

Marie W. wohnte zusammen mit ihrem Vater bei dem Baron und der Baronien Gersdorff in der Woyrschstraße in Berlin. Sie unterhielten hier einen politischen und intellektuellen Salon für Personen aus allen gesellschaftlichen Gruppen wie Aristokratie, Industrie, und Wissenschaften. Sie schaut sich das Filmmaterial über den britischen Versuch in Dieppe zu landen an. Zu viele schreckliche Bilder. Sie ist dagegen, diese Filme öffentlich zu machen. Die Schlacht um Berlin hat am 18.11.1943 begonnen. Berlin wird zunehmend häufiger bombardiert. Das KADEWE am Wittenbergplatz ist nur noch ein Skelett.

Die Tausend Tonnen Bomben, abgeworfen von Tausend Flugzeugen, die tagsüber und nachts fliegen, zerstören große Teile von Berlin, Wien, Innsbruck und viele andere Städte. Doch der Krieg geht weiter. Deutschland produziert weiterhin Waffen und Munition. Die Deutschen sehen nicht, dass sie alles nur noch verschlimmern können. Die Bar im Hotel Eden ist nur noch ein Schutthaufen. Die Kronleuchter liegen auf dem Fußboden. Das Auswärtige Amt wird nach Krummhübel evakuiert. Fünf Hundert Angestellte werden auf Pensionen und Zimmer in der kleinen Stadt in Niederschlesien im Riesengebirge verteilt. In Berlin ist der einzige noch bestehende Treffpunkt das Hotel Adlon. Wie beim Turmbau zu Babel, hier treffen sich die letzten Mohikaner.

Nachdem die Alliierten am 6. Juni 1944, am D-Day, in der Normandie landeten, gibt es wieder leise Hoffnung, dass sich das Blatt zum Besseren wenden wird. Otto Bismarck lädt Marie Wassiltschikow und ihre Schwester Tatiana zusammen mit deren Freund, Paul Metternich, in sein Anwesen in Friedrichsruh bei Hamburg ein. Am Abend sitzen sie zusammen und sprechen über die Möglichkeit H. umzubringen. Am 19. Juli treffen sich Adam Trott und Marie Wassiltschikow. Marie Wassiltschikow unterstützt die Absicht der Widerstandsgruppe H. zu beseitigen, interessiert sich aber nicht für den Aufbau einer Interimsregierung, die nach H. das Land in den Frieden führen soll.

Marie Wassiltschikow hat nicht die deutsche Staatsangehörigkeit und hat kein Interesse, sich für Deutschland zu engagieren. Sie glaubt nicht daran, dass die Alliierten, eine solche Regierung, die auch von ex-Nazis besetzt sein sollte, akzeptieren würde. Das Attentat am 20. Juli war ein Desaster. H. überlebte unverletzt. Die Todesmeldung wurde voreilig verbreitet. Die geplanten Folgeaktionen liefen an. SS-Leute wurden verhaftet. Die am Anschlag beteiligten Generäle und involvierten Personen wurden aufgedeckt und verhaftet. H. ließ über fünf Tausend Personen in den nächsten Monaten exekutieren. Er nahm ganze Familien in Sippenhaft und ließ sie ermorden. Noch einmal über fünf Tausend wurden bis zum Kriegsende 1945 umgebracht.

Wie unmenschlich H. war, wird an drei Stellen im Buch verdeutlicht: 1. deutsche Gefangene in Russland ca. 30.000 werden ignoriert. Sie erhalten keine Hilfe durch das Internationale Rote Kreuz. H. will nicht darüber verhandeln. Er sieht sie als Verräter. 2. Sippenhaft: H. lässt ganze Familien der Offiziere, die sich gegen ihn stellten, umbringen, alle Verwandten, gleich welchen Alters, gleich welcher Verwandtschaftsgrad, um Rache zu nehmen und um sie auszulöschen. 3. H. ordnet eine besonders grausame Hinrichtung der am Anschlag beteiligten an. So wurde eine Klaviersaite zum Erhängen in Plötzensee benutzt, damit der Verurteilte möglich lange qualvoll sterben musste. H. ließ die Hinrichtungen aufzeichnen und schaute sie sich später an.

Am 11.1.1945 feiert sie ihren 28. Geburtstag zu dritt mit Champagner. Sie hat Berlin verlassen und nimmt die Arbeit als Krankenschwester in dem Luftwaffenlazarett in Wien auf. Auch in Wien fallen Bomben. Die Wiener fliehen in die Luftschutzbunker im Stadtzentrum. Marie Wassiltschikow nimmt Schutz im Luftschutzbunker des Hotel Bristol. Fast täglich gibt es Fliegeralarm in Wien. Marie Wassiltschikow notiert die Ausnahme „No raid today, so for once we could go home on time”. (Keine Luftangriffe heute, also konnten wir ausnahmsweise mal pünktlich nach Hause gehen). Sie wird Zeuge des Luftangriffs, bei dem der Jockey Club bombardiert wird. Die Kellerräume stürzen ein und begraben Hunderte von Menschen unter sich.

Sie sieht, wie die Leichen in Säcken auf einen LKW weggebracht wurden. Sie traf sich weiterhin mit ihren Freunden aus bekannten aristokratischen Familien wie Turn und Taxis, Wilczeck, Fürstenberg, Hannover, Fugger und andere. Sie speisten im Hotel Sacher. Sie selbst sieht sich manchmal als Angehörige des alten, unzeitgemäßen, reichen Landadels „antediluvian land owners“. Aus Angst vor der Roten Armee, die kurz vor Wien stand, flüchtete Marie Wassiltschikow im April 1945 mit einer offiziellen Genehmigung nach Schwarzach St. Veit, wo sie als Krankenschwester im Luftwaffenkrankenhaus arbeitete. Sie besuchet von dort aus Gmunden, Bad Ischl und weitere Orte in Österreich. Wien wurde Mitte April von den Russen eingenommen.

Marie Wassiltschikow starte im August eine beschwerliche Reise Richtung Frankfurt, um ihre Schwester, die mit Paul Metternich befreundet ist, in Johnnesberg bei Geisenheim im Rheingau zu besuchen. Eine schwierige Bahnfahrt, bei der sie mehrere Male die Züge wechselte, wenig Schlaf fand und kaum etwas zu essen hatte. Ein Gebäudeteil des Schlosses Johannesberg war noch bewohnbar.

Dort, auf dem Weingut der Familie Metternich, lebte sie einige Zeit mit ihrer Schwester. Ihre Eltern verließen Königswart in Tschechien, um nicht unter den Einfluss der Russen zu geraten. Sie siedelten über nach Deutschland und lebten in Baden-Baden. Eine sehr gut geschriebene Biografie, die uns dazu befähigt, die damalige Zeit mitzuempfinden. Freundschaft und Menschlichkeit sind die Dinge, die zählen.

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